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Gespenster

Ich weiss nicht mehr, ob ich bereits einmal das Thema der “Ghost Teachers” an dieser Stelle erwähnt habe. Dies schliesst an an das im letzten blog beschriebene “moonlighting”, nur dass diese “Geister” gar nicht mehr auftauchen oder gar nicht mehr existieren, aber immer noch vollen Lohn beziehen. Der Grund ist, dass die verantwortlichen Stellen hier im Büro für viele Jahre nicht sauber gearbeitet haben. Und es heisst auch, dass ein Schulleiter, der Monat für Monat auf den EDV-generierten Lohnabrechnungen einen bereist pensionierten Lehrer gelistet sieht, nichts unternimmt, um dem ein Ende zu setzen.

Man kann sich vorstellen, was der Staat da für Geld verliert, weil man diese Lohnzahlungen kaum mehr zurückbekommt (obwohl es versucht wird). Ende letzten Jahres gab es einen landesweiten Versuch, die Sache zu bereinigen. Jeder Lehrer musste unterschreiben, dass er noch im Dienst ist. Ansonsten wurde die Lohnzahlung gestoppt. Da es danach grossen Aufschrei gab, weil Lehrer nicht unterschreiben konnten, da sie an andere Schulen versetzt wurden, ihr Name aber immer noch auf der Liste der vorherigen Schule steht. Ein grosses Durcheinander also.

Als der Direktor Ende März in Windhoek war wurden ihm wohl vom Minister die Leviten gelesen, weil anscheinend immer noch ca. 300 Lehrer als “Ghost Teacher” gelten in der Region und die Situation nicht geklärt ist. Also gab er den Auftrag, dies nun endlich zu tun. Es gab wieder eine grosse Unterschriftenaktion hier in Katima. Dazu werden die Leute namentlich übers Radio aufgefordert, das scheint der beste und sicherste Weg, sie zu erreichen. Leider zeigt die Unterschrift noch nicht an, wo genau dieser Lehrer nun arbeitet. Also habe ich mit meinem Kollegen zusammen einen Brief entworfen, den die Schulleiter unterschreiben sollten zusammen mit den April Salärlisten. Auf diesen sollten sie erstens korrekte Lehrer unterschreiben lassen, zweitens bei denen, die gelistet sind, aber nicht mehr dort arbeiten, angeben, was mit denen passiert ist (pensioniert, gekündigt, versetzt, gestorben) und drittens jene auflisten, die jetzt dort arbeiten, aber nicht auf der Liste sind.

So erhofften wir uns eine Art Basismonat April, ab dem wir wieder ganz aktuell sind, solange natürlich ab dann sämtliche Änderungen zuverlässig im System erfasst werden. Da Mai hier Ferienmonat ist hatte ich - die ich vom Kollegen gebeten wurde, dies zu leiten - Ende Mai letzte Woche gerade mal 15% aller Schulen, die diese Papiere unterschrieben haben. Interessanterweise kamen fast alle aus einem Bezirk, der von der einzigen Frau unter den Inspektoren geleitet wird. Das Argument, es sei zu wenig Zeit gewesen, konnte also nicht gelten.

Donnerstag und Freitag war zu Beginn des zweiten Trimesters wieder ein 1,5 tägiger workshop zur Besprechung des Fortschritts in der Region angesagt. Mein Kollege sollte am Donnerstag das geschrumpfte Budget und priorisierte Ausgaben vorstellen, ich also das Thema “Ghost Teacher”. Ein undankbarer Job, da ich den Schulleitern ins Gewissen reden und auch die Inspektoren als deren Vorgesetzte in die Pflicht nehmen musste. Es wurde aber ganz gut aufgenommen, die erfolgreiche Inspektorin wurde beklatscht und wir gaben auch eine neue Frist bis Ende der kommenden Woche, um nun endlich die Änderungen einzureichen. Wenn ich alle Papiere zusammen habe werde ich diese nach Bezirk ausdrucken und mit den Personal-Sachbearbeitern anschauen. Sie müssen pro Änderung einen Auftrag schreiben und an die Salärbuchhaltung übergeben, die diese dann im System vornehmen. Die Juli-Salärlisten sollen - so unser Ziel - dann endlich 100% korrekt sein.

Diese 2-3 grossen Tagungen pro Jahr mit allen Rektoren finden in einer privaten Mehrzweckhalle statt. Auf dem Boden Kunstrasen mit Markierungen für Fussballspiele, auf dem Podium die weiss geschmückten Tische der letzten Hochzeit und eine nur mit Glück funktionierende Technik prägen die Atmosphäre. Zu Beginn werden zwei Hymnen abgespielt, die der African Union und die namibische. Alle stehen und bleiben auch stehen für das folgende Gebet, das fast jede Sitzung einleitet und beschliesst, gern noch mit einem Bibelzitat versehen. Gott wird um Weisheit gebeten und darum, möglichst alle besprochenen Probleme zu lösen. Das zeigt schon etwas den Fatalismus, dass man eben nicht für Alles verantwortlich gemacht werden kann, sondern Vieles in Gottes Hand liegt.

Danach dann Präsentationen, leider wenig Diskussion und Gruppenarbeit. Die Technik wird erst aufgebaut, wenn der erste Redner schon startet und entsprechend viel geht schief. Die Leinwand brach zweimal krachend zusammen, bis sie fixiert werden konnte, viele Präsentationen konnten nicht geöffnet werden, die Microphone rauschen und knattern, wenn sie überhaupt laufen. Daher mein Eindruck, dass viele zwar physisch anwesend, aber nicht wirklich dabei sind, sondern unauffällig Aktivitäten über ihr smartphone abwickeln. Dabei sind alle erst wieder, wenn es Mittagessen gibt, dann stürmt man das Buffet und häuft sich so viel Essen auf, wie man nur kann. Einige packen sich sogar etwas ein für später. Dabei sind dies gut verdienende Schulleiter und andere Beamte, die sicher keinen Hunger leiden.

Ich habe mir einige Punkte notiert und werden versuchen, mit den Verantwortlichen die nächste Tagung vielleicht etwas anders und ‘überraschend’ zu gestalten.


4.6.17 14:21

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jackie (5.6.17 08:50)
Liebe Nicola

mit grosser Neugier und einem mitfühlenden Schmunzeln habe ich deine letzten beiden Einträge und den zugeschickten Newsletter gelesen. Ich kann mir jetzt ein gutes Bild machen wie du lebst und mit welchen Problemen du dich täglich herumschlagen musst. Da kann ich nur sagen, du hast meine grosse Anerkennung! Deine Aufgabe ist eine Lebensschule in Geduld und Ausdauer.

Die ineffiziente Bürokratie und das kaum vorhandene time management scheinen tief in der Gesellschaft verankert. Ich hoffe du siehst dich als Katalystor und gleichzeitig als Begeiter in einem 3-jährigen Prozess und hast nicht zu hohe Erwartungen an dich und die Menschen in deinem Umfeld.

Ich schicke dir ganz liebe Grüsse aus Zürich, wo heute unsere letzten Jungs volljährig werden. Ich habe ab heute sozusagen keine Kinder mehr, nur noch kindliche Erwachsene (=Kindsköpfe) daheim.

xxx
Jackie

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