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Erwachsenenbildung

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die unabhängige Republik Namibia erst 27 Jahre alt ist wird klar, dass alle über 30-jährigen Menschen in diesem Land mehr oder weniger im Bürgerkrieg gross geworden sind. Dieser dauerte bekanntlich über 25 Jahre, nachdem Südafrika sich lange weigerte, die UN anzuerkennen und deren Resolution zur Entlassung Namibias aus der Protektion in die Unabhängigkeit umzusetzen. Damals, in den 60er Jahren, entwickelte sich mit SWAPO die massgebliche Unabhängigkeitsbewegung, von der UN als legitime Vertretung Namibias anerkannt, in der viele Namibier aller Ethnien mit kämpften.

Auf dem Weg zur Unabhängigkeit fand man u.a. durch die ersten Wahlen heraus, dass viele Menschen nicht in der Lage waren, die Wahlunterlagen zu lesen und ihr Kreuz zu setzen. Viele Erwachsene hatten in diesen Wirren und Lageraufenthalten keine richtige Schulbildung genossen und konnten nicht lesen und schreiben. Man beschloss also - unter anderem mit Schweizer Entwicklungshilfe, wie ich erfahren habe - diesen Menschen Zugang zu einer Grundbildung zu ermöglichen. Ich habe wohl schon einmal erwähnt, dass es aus diesen Gründen in unserem Ministerium eine Division gibt, die “Lebenslanges Lernen” heisst und sich spezifisch an Erwachsene richtet. Mit diesem Teil habe ich mich die vergangenen Wochen etwas beschäftigt, nachdem er in meiner ersten Analyse (bewusst) zu kurz gekommen war.

Eine Überraschung war, dass in der sogenannten “Erwachsenenbildung” auch viele Kinder Aufnahme finden. Nämlich solche, die aus familiären Gründen oder wegen der Distanz nicht in die Schule gehen konnten oder geschickt wurden und dann mit 12 oder 14 Jahren nicht einfach in die erste Klasse eintreten können. Diese werden identifiziert und so geschult, dass sie nach 3 Jahren die Regelschule besuchen können. Vor allem aber richten sich die Programme an Erwachsene, die wenigstens Lesen, Schreiben und Rechnen lernen wollen. Namibia liegt heute mit einer Alphabetisierungsrate von 85% in Afrika an fünfter Stelle, was schon gut ist, aber noch nicht hoch genug. Kerala/Indien z.B. weist eine Rate von fast 100% aus, auch wenn einige Stämme der Ureinwohner nicht wirklich integriert werden. Und Namibia hat sich in seiner “Vision 2030” das Ziel gesetzt, eine “learning nation” zu sein, die Armut, Krankheit und Ignoranz hinter sich gelassen hat. Wie die Zeitung “The Namibian” am Freitag behauptet, steht Namibia mit seinen prozentualen Bildungsausgaben gemessen am Gesamtbudget weltweit an zweiter Stelle. Ich konnte das nicht wirklich überprüfen, denke aber schon, dass es für ein so kleines Land enorme Anstrengungen im Bildungssektor unternimmt.

Dazu sitzen in den 8 politischen Distrikten (die nicht identisch mit den 5 Bezirken sind, die wir in der Schulabteilung haben!) Organisatoren, die regen Kontakt mit ihren Kommunen haben sollen. Einmal pro Jahr wird ein formelles Treffen mit jeder Kommune organisiert, wo alle traditionellen Autoritäten (headmen and -women) und Schlüsselpersonen zusammenkommen. Es wird diskutiert, was die Kommune braucht und - wichtiger - wer in der Kommune die Schulung vornehmen kann. Gemäss dem verantwortlichen Kollegen hier ist es undenkbar, einen Lehrer von “Aussen” in diese Kommunen zu schicken, der dort unterrichten soll. Man sucht also respektierte Einwohner, die idealerweise einen Mittelschulabschluss haben und natürlich Interesse, diesen Job zu übernehmen.

Diese Leute werden “Promotoren” genannt. Ihre Ernennung folgt einem wirklich basisdemokratischen Prozess. Sie werden vorgeschlagen, dann müssen sie sich im Wettbewerb präsentieren und die Kommune wählt aus. Sie bekommen dann ein Training und organisieren selbständig Lektionen, meist am Nachmittag, da ihre Schüler ja erst Haushalt, Vieh oder Land versorgen müssen. Die Lektionen finden statt, wo es für alle ideal ist: es kann ein Privathaus sein, eine Schule, eine Kirche oder auch ein grosser Baum, in dessen Schatten es sich gut konzentrieren lässt. Im Vordergrund steht wie gesagt Lesen, Schreiben und Rechnen, für ambitionierte Schüler wird aber der ganze offizielle Lehrplan angeboten. Sogar weiterführende Ausbildungen und Studien können Erwachsene so antreten, was aber nicht oft passiert.

Die Motivation und Teilnahme ist sehr unterschiedlich. Hier im Städtchen gibt es viele kleine Händler, oder eher Händlerinnen, die wissen, dass sie diese Lese-, Schreib- und Rechengrundlagen brauchen. Weit auf dem Land, in den ethnischen Zentren hingegen kommt für die Bauern immer zuerst ihre Arbeit, die ihnen of keine Zeit für Lektionen lässt. Von Januar bis April werden sogenannte “Family Literacy” Programme angeboten mit dem Ziel, die Eltern von schulpflichtigen Kindern dazu zu bringen, erstens den Wert von Bildung zu erkennen und zweitens in der Lage zu sein, ihren Kindern bei den Hausarbeiten zu helfen. Motivierend wirkt auch die Möglichkeit, ein eigenes Bankkonto eröffnen oder die Bibel selber lesen zu können. Bewerkenswert, wenn auch nicht erstaunlich ist sicher die Tatsache, dass sowohl bei den Promotoren wie auch den Teilnehmern 80% weiblich sind. Ich höre, Männer getrauten sich nicht, finden es auch unter ihrer Würde und verbringen Freizeit letztlich lieber in der Bar als in Klassen. Es wird nun daran gedacht, ein Angebot speziell auf Männer zuzuschneiden. Es wird berichtet, dass manche Frauen an der Teilnahme von ihrer Familie gehindert werden, aus Neid, weil die Promotern quasi “auf ihre Kosten Geld machen”, oder einfach aus Angst vor Veränderung.

Zusätzlich gibt es noch Programme zur Förderung der Selbständigkeit. Wo es keine Industrie, keine Zentren und nur wenig Staat gibt ist die Selbständigkeit enorm wichtig. Sei es wie erwähnt als Farmer, der seinen Überschuss an landwirtschaftlichen Produkten auf dem Markt verkauft, sei es Handwerk, das im Craft Center in Katima verkauft werden kann oder auch Nähen, Frisieren, Autos Waschen oder Bewirten sind mögliche Betätigungsfelder. Bis vor einigen Jahren ging dieses Programm einher mit zinslosen Darlehen einer Staatsbank. Leider waren gemäss meinem Kollegen die Erfahrungen aber so schlecht, die Zahlungsmoral so tief, dass dieses Angebot aufgegeben wurde. Er sagt, damit ging das grosse Wehklagen los, dass es nun nicht mehr möglich sei, sich zu entwickeln, etwas aufzubauen etc. Zudem meint er, dass seine Leute, eben die Organisatoren, selber nicht allzu viel von Selbständigkeit verstehen, dieses aber in den Kommunen unterrichten sollen. Er ist mit dem Ergebnis des Programms gar nicht zufrieden und merkt an, dass die Zambezi Region hinter den anderen Regionen hinterher hinkt.

Er beobachtet aber gleichzeitig - und dies schliesst an meine Schlussfolgerung im vorletzten blog an - dass diejenigen, die wirklich wollen, es auch ohne staatliche Unterstützung schaffen, sich selber das Kapital zu besorgen oder zu verdienen.

23.7.17 16:54, kommentieren

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Unfall

Nein, ich hatte zum Glück keinen Unfall. Aber in unserer Region hat sich am 6. Juli ein schwerer Unfall zugetragen. Die Schüler zweier Schulen im südwestlichen Bezirk Chinchimane wollten sich zu einem Fussball-Freundschaftsspiel treffen. Anstatt - wie im Reglement vorgesehen - einen kleinen Bus zu mieten fuhren der Schulleiter und ein Lehrer mit ihren Privatautos und luden je die Hälfte der Schüler, Jungen und Mädchen, ein. Der Schulleiter mit einem hier “Bakkie” genannten Pick-up, der Lehrer mit einem kleinen Toyota, in den er aber sage und schreibe 11 Kinder hineinbekam. Leider fuhr letzterer zu schnell, übersah eine Welle in der Naturstrasse und das Auto überschlug sich. 4 Kinder waren sofort tot, drei andere schwer verletzt. Sie wurden nach Windhoek geflogen, wo am Sonntag ein Mädchen ihren Verletzungen erlag. Dies ist ein schwerer Schlag für die Region und sogar für das Land. Letzten Donnerstag war die Trauerfeier in der Schule und ich beschloss, daran teilzunehmen. Es wurde ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Ein Kollege hatte mir gesagt, dass alle, die gehen wollen, sich um 6 Uhr morgens vor dem Krankenhaus treffen. Ich fuhr mit meinem Auto dorthin, parkte es vor dem Laden meiner Nachbarin Elmari und lief in der fast totalen Dunkelheit zum Spital. Dort standen bereits Trauben von Menschen und ich dachte zuerst, sie warten vielleicht auf das Öffnen des Spitals. Aber dann erklärte mir eine nette junge Frau, dass es sogar zwei Beerdigungen an dem Tag gäbe und einige woanders hin wollten. Leider kamen aber die versprochenen Ministeriumsautos nicht, um uns einzuladen. Ein Polizeiauto stand mit blinkenden Lichtern auf der Strasse, wusste aber nur, dass er den Autokorso dann anführen würde. Nach einigem Hin und Her beschloss ich, doch mein Auto zu nehmen. Die nette Frau, Vivian, stellte sich als Lehrerin einer benachbarten Schule heraus und kam mit mir. Ich lud noch drei Damen ein und dann warteten wir in der Schlange, bis es um 6.45h mit der aufgehenden Sonne endlich losging.

Es war ein langer Corso von etwa 50 Autos. Alle hinter der Polizei und alle mit Warnblinkern an wie hier üblich. Die Stimmung im Auto war aber keinesfalls bedrückt oder ruhig, obwohl eine der Frauen mit einem verstorbenen Mädchen sogar verwandt war. Es wurde getratscht, gelacht und schliesslich mit dem Handy Musik abgespielt, zu der gesungen wurde. Die Schule ist ca. 100km von Katima entfernt und um 8h bogen wir in die Staubstrasse ein, die zu ihr hinführt. Plötzlich blieben alle stehen und ich dachte, dass man hier schon parken müsste. Da meinte Vivian, dies sei der traditionelle Stopp “to stretch your legs”, eine nette Umschreibung eines Pipi-Stopps. Tatsächlich schlugen sich alle in die Büsche, Männer links, Frauen rechts, und folgten dem Ruf der Natur (ich auch, dankbar!). Dann ging es die letzten Meter zur Schule. Dort hatte sich bereits eine grosse Menschenmenge versammelt, sicher 300 Menschen aus umliegenden Dörfern. Es waren vier Zeltdächer aufgestellt worden, eins für die Chöre, eins für die Trauerfamilien, eins für die Öffentlichkeit und eins für die hohen Gäste und Honoratioren. Dort wurde ich von meinen Kollegen hingewinkt, Vivian und die anderen verstreuten sich.

Es versteht sich, dass ich aus Pietätsgründen mit Fotografieren sehr vorsichtig war. Unten seht ihr die wartenden Schulkollegen der fünf Toten in ihrem Fussballdress. Diese trugen nach Beginn der Zeremonie (um 9.30h!) die fünf Särge in die Mitte des Platzes und bahrten sie mit Photo, Blumen, einem Fussball und dem Pokal, um den es im Spiel gegangen wäre, dort auf. In dem Moment lernte ich auch, was “lautes Wehklagen” eigentlich heisst. Einige Frauen brachen regelrecht zusammen und wurden weggeführt. Alles in allem war es aber eine unglaublich disziplinierte Stimmung, selbst die Kleinsten waren meist ruhig. Unten seht ihr auch das Programm. Immerhin drei der jungen Klassenkameraden schafften es, ein paar Worte zu sprechen, wenn auch unter Tränen. Das und das Verlesen der Biographien der fünf (zwei Jungs, drei Mädchen) war sehr bewegend, auch wenn ich nicht alles verstand.

Es waren hohe Vertreter aus Windhoek angereist und besonders der Stellvertretende Arbeitsminister, der anscheinend auch für die Strassensicherheit verantwortlich ist, fand sehr deutliche Worte: die Zambezi Region hat die höchste Rate an Strassentoten, an Fahrern ohne Fahrausweis, an fahruntüchtigen Autos und an alkoholisierten Fahrern wie auch Fussgängern, die auf die Strasse wanken oder dort ihren Rausch ausschlafen (kein Witz!). Er als einziger fiel nicht in den Chor derer ein, die Gott bemühten, der alle Geschicke lenke und die fünf zu sich geholte hätte. Er sagte, wie es ist: eine vermeidbare Tragödie, die sich nicht wiederholen darf. Er redete den Schulen ins Gewissen, dass sie Schüler nur in Passagierfahrzeugen fahren dürften und bei Geldmangel solche Anlässe eben absagen müssten. Ein anderer Redner redete von Vergebung und den unguten Konsequenzen von Hass. Vivian meinte später, dass es gut möglich sei, dass der fehlbare Lehrer gelyncht würde, sollte er sich nochmals in der Region zeigen. Seine Person und was mit ihm werden soll wurde von keinem Redner erwähnt, anscheinend war er kurz im Gefängnis, ist aber wieder auf freiem Fuss.

Die Zeremonie mit insgesamt fünf Priestern und Gebeten dauerte bis gegen 13h. Mir knurrte der Magen. Es kam zu der olfaktorisch anspruchsvollen Situation, dass der aufkommende Wind von vorne immer wieder leichten Verwesungsgeruch herantrug (die Särge standen in der prallen Sonne, wurden allerdings laufend mit einem Deo besprüht), und von hinten, wo gleich das Dorf begann, leckerer Geruch nach gebratenem Hühnchen durchs Zelt waberte. Dann wurden zwei Särge geöffnet und die Familie und Freunde konnten Abschied nehmen (im Programm “body viewing” genannt). Das habe ich mir nicht angesehen und es kann kein schöner Anblick gewesen sein. Jemand erzählte mir, dass nur diese zwei noch einigermassen im Zustand waren, dass man sie anschauen konnte. Wieder brachen die armen Mütter und Geschwister zusammen, es war furchtbar.

Nun bewegte sich die ganze Gesellschaft zu einem offenen Platz hinter der Schule, noch auf Schulgelände. Erst da wurde mir klar, dass die fünf dort und nicht auf einem Friedhof begraben würden. Der Schulleiter meinte später zu mir, die fünf würden Teil der Schulhistorie, eine Entscheidung, die bei einigen auch auf Kritik stiess, die den ganzen Unfall als traumatisierend genug bezeichneten. Es war also ein grosses Massengrab ausgehoben und ausgekleidet worden, ein Zelt spendete Schatten. Die Särge wurden wieder von den Kameraden neben das Grab getragen. Ein Gebet und die Särge wurden in das Grab gelassen. Die Familie warf etwas Sand darauf, es war wieder ein sehr trauriger Moment. Dann dauerte es leider fast 45 staubige Minuten, bis die Männer mit wenigen Schaufeln und viel blosser Handarbeit das grosse Grab zugeschüttet hatten. Und dann kam der letzte Teil, den ich fast den schönsten und friedvollsten fand. Jeder Betroffene - Familie, Kameraden, Lehrer, Inspektoren, Direktoren, Priester, Honoratioren - wurde gerufen und durfte kleine Pflanzen und Blumen auf das Grab stellen, die später eingegraben werden. Das Grab wurde so zu einem bunten, freundlichen Fleck inmitten des grauen Sandes. Der Anlass endete um 15.30h.

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass vom Moment meiner Ankunft bis zum beschriebenen Ende fast konstant einer der drei Chöre sang. Es war ein andauerndes Singen, Klatschen, Schaukeln, viele Gäste sangen mit. Die Lieder waren sicher religiös, sehr rhythmisch und gleichförmig, beruhigend. Ich fand das sehr schön und insgesamt alles viel weniger bedrückend, als ich Beerdigungen bei uns empfinde. Es war ein buntes Bild, die Frauen mit farbigen Chitenges (Rocktücher), nur die oberen Herren trugen schwarze Anzüge. Vielleicht ist das aber auch nur der Exotik der Szenerie geschuldet. Auf jeden Fall war mein Eindruck, dass durch das Nebeneinander von Dorf und Grab, der Abwesenheit einer Kirche, die Einbettung der Gräber in freies Feld, den Gesang und das Gefühl einer starken Dorfgemeinschaft der Tod hier näher beim Leben ist als bei uns.





16.7.17 13:58, kommentieren