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Advent

Die grosse Hitze vom Oktober ist seit etwa zwei Wochen gebrochen. Es startete mit einigen nächtlichen Gewittern und steigerte sich letzte Woche zu einer veritablen Regenwoche. Dicke graue Wolken hingen über dem Land und es regnete immer wieder stark. Die Temperatur ging nach und nach auf ca. 27-30 Grad am Tage runter, nachts nur noch 20-22Grad (d.h. tatsächlich, dass ich dann abends mit Faserpelz und Decke auf dem Sofa sitze.

Der Effekt auf die Leute ist in etwa der gleiche, den wir in nördlichen Breitengraden beobachten, wenn nach vielen Regentagen endlich die Sonne scheint: Wetter ist das Thema Nummer 1 und die Menschen strahlen und sind generell gut drauf. Verständlich, wenn man Sonne und Hitze zur Genüge hat. Alle meinen, wir vom Norden sollten uns doch nicht über Regen beschweren, es sei das beste überhaupt. Dann muss ich ausführen, dass für jemanden, der mit gefühlt 80% grauen und nassen Tagen aufwächst, eben die Sonne das Grösste ist. Das ist nicht immer leicht nachvollziehbar…
Der positive Nebeneffekt des Regens ist auch, dass die Zikaden schlagartig verschwunden sind, im Boden, wie mein Nachbar Carl meint.

Seit letzter Woche ist Katima Mulilo stolze Heimat eines neuen Sparladens. Mit grossem Tamtam, Musik und gratis T-Shirts wurde er eröffnet und bietet auf ca. der Hälfte der Fläche des Pick’n’Pay eine gute Auswahl plus offene Metzgerei und frisches Brot. Ich habe mir die Zeit genommen (man hat ja sonst nichts zu tun am Samstag…) und mir die Produkte in Ruhe angeschaut und muss sagen, es sind doch leider in etwa die gleichen, die es auch im Shoprite und Pick’n’Pay gibt. Immer dachte ich, dass Spar eine Deutsche Kette ist und musste erst im Netzt googeln. Tatsächlich ist sie ursprünglich Niederländisch, inzwischen aber mittels Franchising auf der ganzen Welt verbreitet. In Südafrika sitzt eine Spar Group, die die Expansion im südlichen Afrika vorantreibt. Deshalb also zu 90% südafrikanische Erzeugnisse.

Es ist mir schon in Indien aufgefallen, dass auch die gläubigsten Christen dort keinen Advent kennen und von Weihnachten bis kurz vorher nicht viel zu spüren ist (also das Gegenteil von unseren Ländern, in denen Weihnachten kommerziell betrachtet schon im Oktober losgeht). Hier ist es ähnlich. Einige verzagte Weihnachtsdekorationen in einigen Ecken der Supermärkte, Rabatte auf Kinderspielzeug - das war’s. Kerzen dienen hier ja sowieso nur als Notbeleuchtung, wenn der Strom ausfällt und nicht als romantische oder gemütliche Stimmungsmacher. Ich habe mir aber, wie ihr unten seht, meine eigene kleine Einstimmung auf die kommenden vier Wochen geleistet und freue mich sehr auf den Europäischen Winter und die Festtage.

In vier Tagen geht es los nach Hamburg, wo meine Schwester Katja ihren runden Geburtstag feiert - zusammen mit der ganzen Familie. Dann mit einigen Stationen bei Freunden durch Deutschland und ab 11.12. in der Schweiz. Lückenlos gefüllte Tage mit Arztbesuchen und Verabredungen, ab 19.12. hoffe ich dann, in die Berge zu kommen, um VIELLEICHT sogar ein bisschen Ski zu laufen. Weihnachten mit meinen Eltern und Kindern in Klosters, gemütlich wie immer. Leider muss ich aus ferientechnischen Gründen am 27.12. wieder abfliegen.

Hiermit schliesse ich - unglaublich - bereits mein erstes Jahr in Namibia ab und auch den blog für dieses Jahr und bedanke mich bei allen LeserInnen für ihr Interesse und auch das eine oder andere Feedback. Ich wünsche euch allen eine schöne Adventszeit, in der bei aller unvermeidlichen Hektik auch ruhige Stunden (bei Kerzenschein!) drinliegen, danach friedliche Weihnachtstage und natürlich einen glatten, spritzigen Rutsch ins 2018! Ich bin gespannt, was ich euch im kommenden Jahr berichten kann und hoffe, ihr bleibt dabei…

26.11.17 13:43, kommentieren

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Shebeens

Ich will nicht bestreiten (und schon gar keiner, der mich kennt), dass Alkohol immer eine gewisse Rolle in meinem Leben gespielt hat! Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass eine gute Verdauung ohne einen regelmässigen Schnaps nach dem Essen schlicht nicht zu haben ist. Jeder, der die norddeutsche Küche kennt, wird dem sowieso zustimmen. Aber auch zu einem geselligen Abend, egal bei welcher Küche, gehört immer ein (oder zwei, oder…) Glas Wein, vielleicht auch mal ein Bier.
Zudem hat sich inzwischen für mich bewahrheitet, dass meine körperliche und geistige Robustheit, auf Alkohol zu reagieren, nicht nur aus der Gewohnheit resultiert, sondern in unserer Familie insbesondere auf weiblicher Linie vererbt wird. Das finde ich in Bezug auf meine Kinder - insbesondere meine Tochter - doch sehr beruhigend. Regelmäßige Diskussionen über die verträglichsten “Trinkstrategien” gehören bei uns seit einigen Jahren sozusagen zum Tischgespräch.

Unter dem Strich war Alkohol also für mich immer positiv besetzt, und ich meine damit den genussvollen, verantwortungsvollen, (meist) mässigen Umgang mit Alkohol verschiedener Stärke.

Auch wenn mir Russland in der Beziehung nochmals neue Erfahrungen und auch ein neues Lieblingsgetränk (Wodka) bescherte habe ich doch auch dort erstmalig mitbekommen, welch destruktive Rolle Alkohol in Ländern spielen kann, in denen grossflächig Perspektivlosigkeit herrscht. Obwohl auch die russische Küche einen Schnaps hie und da gut vertragen kann wird v.a. auf dem Land des Riesenreiches exzessiv getrunken und kein Präsident hat dies bisher in den Griff bekommen. Wer es versucht hat (z.B. Gorbatschow mit massiven Preiserhöhungen) hat soziale Unruhen und im schlimmsten Fall etliche Tote durch gepanschten Selbstgebrauten riskiert. Und wenn man, wie wir auf unserer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, die Zustände in den Dörfern sieht, wo nur noch ein paar Alte hausen, kann man auch fast verstehen, dass es gar nichts anderes mehr gibt, als sich dem Alkohol hinzugeben, bzw. sich zu Tode zu trinken.

In Indien war es anders, aber auch wieder ähnlich. Jeder Gliedstaat regelt Alkoholkonsum dort für sich und ich bin sicher, dass ich über die restriktive Handhabung in Kerala berichtet habe. Die grundsätzliche Verdammung des Alkohols bei gleichzeitigem Profitieren von hohen Steuern, das Drängen der staatlichen Verkaufsstellen in die Schmuddelecke bei gleichzeitigem Wegsehen beim Ausschank in Touristenzentren, all dies fand ich mühsam und verlogen. Immer wieder hatten unsere Projekte zum Thema und gab es viele Artikel in den Medien über Alkoholmissbrauch und was er für Unglück hervorruft. Über Kinder, die in jungen Jahren bereits anfangen zu trinken, über Autounfälle unter Alkoholeinfluss, von häuslicher Gewalt ganz zu schweigen. So sind denn in Indien auch die Frauen die grössten Anhängerinnen des vom Premier Modi forcierten Alkoholverbots in einigen Gliedstaaten und dies ist verständlich. Sie werden nur erfahren müssen, fürchte ich, dass Prohibition noch nirgends und nie funktioniert hat, im Gegenteil ist der Schwarzmarkt im Norden anscheinend am Wachsen. Zudem stellt sich jetzt langsam heraus, was dies wirtschaftlich bedeutet durch den Wegfall der Alkoholsteuer, Rückgang von Tourismus oder dem Schliessen ganzer Reihen von Bars und Restaurants neben Hauptstrassen, weil dort der Ausschank verboten wurde. Dies wiederum verstärkt die Perspektivlosigkeit - ein wahrer Teufelskreis.

Hier nun in Namibia höre und sehe ich leider die selben Geschichten. Kaum ist Monatsende, kaum hat meist der Mann seinen Lohn in der Hand, geht’s zur ’Shebeen’ (gesprochen: “Schabihn”). Dies sind die kleinen Bars, oft nur einige zusammengefügte Wellbleche, die entlang der Strasse in jedem Dorf und jeder Stadt stehen. Wie ich höre, werden sie möglichst zwischen Bank (Geldbezug) und Dorf plaziert, so dass es schon einen starken Willen des Vorbeilaufenden bedarf, auch der zehnten Shebeen noch zu widerstehen und das Geld nach Hause zu tragen. Man versucht, diese Bars wenigstens im Umfeld von Schulen zu verbieten, nicht immer erfolgreich (s. Zuschrift). Aber wenn’s nicht die Shebeen ist, dann kann jeglicher Alkohol in gut sortierten Läden gekauft werden. Die Folgen habe ich zum Teil schon beschrieben: Trotz im Prinzip leerer Strassen viele Tote im Strassenverkehr, viele häusliche Probleme bzw. zurückbleibende Alleinerziehende, Lärm und Schlägereien am Wochenende und ganz allgemein eine reduzierte Lebenserwartung. Auch viele Warnungen, die ich als Ausländerin in Bezug auf mein Verhalten bekommen habe, hatten mit unkontrolliertem und unvorhersehbarem Verhalten von Betrunkenen zu tun. Warum die Polizei in der Situation auf Strassen und in solchen Gegenden gar nicht präsent ist, ist mir nach wie vor ein Rätsel.

Wenn ich mir das alles so anschaue, muss ich zugeben, dass ein liberaler Zugang zu Alkohol in solchen Ländern wirklich ein Problem darstellt, obwohl er aus Marktperspektive Sinn macht. Es fehlt sicher an Aufklärung, schon in der Schule, und an strikter Kontrolle einerseits, an Perspektiven und Einbindung in straffe Strukturen andererseits. Bei der hiesigen hohen Arbeitslosigkeit profitieren nur die, die verlässlich, sauber und nüchtern sind. Gäbe es mehr Arbeit, wären wohl auch mehr nüchtern. Und gäbe es mehr und strengere Kontrollen, würden wohl weniger Menschen zuhause oder auf der Strasse unter Alkoholisierten leiden. Letzte Woche hat mir ein Gespräch mit dem Chef eines anderen Ministeriums hier nochmals die Augen geöffnet. Er meinte, vor der Unabhängigkeit gab es sehr wenig Probleme mit Alkohol, da der Zugang beschränkt war. Jetzt werde zwar viel geklagt, der politische Wille, etwas zu verändern, sei aber nicht da. Warum nicht, frage ich? Weil viele Politiker privat in Alkoholläden und Shebeens investiert haben!! Ah, so ist das…

Zum Schluss noch der link zu einem schöner Artikel, der diesen blog gut mit dem letzten verbindet, Titel: “Moderate alcohol consumption improves foreign language skills” (https://digest.bps.org.uk/2017/11/10/moderate-alcohol-consumption-improves-foreign-language-skills/)


18.11.17 14:15, kommentieren