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Unfall

Nein, ich hatte zum Glück keinen Unfall. Aber in unserer Region hat sich am 6. Juli ein schwerer Unfall zugetragen. Die Schüler zweier Schulen im südwestlichen Bezirk Chinchimane wollten sich zu einem Fussball-Freundschaftsspiel treffen. Anstatt - wie im Reglement vorgesehen - einen kleinen Bus zu mieten fuhren der Schulleiter und ein Lehrer mit ihren Privatautos und luden je die Hälfte der Schüler, Jungen und Mädchen, ein. Der Schulleiter mit einem hier “Bakkie” genannten Pick-up, der Lehrer mit einem kleinen Toyota, in den er aber sage und schreibe 11 Kinder hineinbekam. Leider fuhr letzterer zu schnell, übersah eine Welle in der Naturstrasse und das Auto überschlug sich. 4 Kinder waren sofort tot, drei andere schwer verletzt. Sie wurden nach Windhoek geflogen, wo am Sonntag ein Mädchen ihren Verletzungen erlag. Dies ist ein schwerer Schlag für die Region und sogar für das Land. Letzten Donnerstag war die Trauerfeier in der Schule und ich beschloss, daran teilzunehmen. Es wurde ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Ein Kollege hatte mir gesagt, dass alle, die gehen wollen, sich um 6 Uhr morgens vor dem Krankenhaus treffen. Ich fuhr mit meinem Auto dorthin, parkte es vor dem Laden meiner Nachbarin Elmari und lief in der fast totalen Dunkelheit zum Spital. Dort standen bereits Trauben von Menschen und ich dachte zuerst, sie warten vielleicht auf das Öffnen des Spitals. Aber dann erklärte mir eine nette junge Frau, dass es sogar zwei Beerdigungen an dem Tag gäbe und einige woanders hin wollten. Leider kamen aber die versprochenen Ministeriumsautos nicht, um uns einzuladen. Ein Polizeiauto stand mit blinkenden Lichtern auf der Strasse, wusste aber nur, dass er den Autokorso dann anführen würde. Nach einigem Hin und Her beschloss ich, doch mein Auto zu nehmen. Die nette Frau, Vivian, stellte sich als Lehrerin einer benachbarten Schule heraus und kam mit mir. Ich lud noch drei Damen ein und dann warteten wir in der Schlange, bis es um 6.45h mit der aufgehenden Sonne endlich losging.

Es war ein langer Corso von etwa 50 Autos. Alle hinter der Polizei und alle mit Warnblinkern an wie hier üblich. Die Stimmung im Auto war aber keinesfalls bedrückt oder ruhig, obwohl eine der Frauen mit einem verstorbenen Mädchen sogar verwandt war. Es wurde getratscht, gelacht und schliesslich mit dem Handy Musik abgespielt, zu der gesungen wurde. Die Schule ist ca. 100km von Katima entfernt und um 8h bogen wir in die Staubstrasse ein, die zu ihr hinführt. Plötzlich blieben alle stehen und ich dachte, dass man hier schon parken müsste. Da meinte Vivian, dies sei der traditionelle Stopp “to stretch your legs”, eine nette Umschreibung eines Pipi-Stopps. Tatsächlich schlugen sich alle in die Büsche, Männer links, Frauen rechts, und folgten dem Ruf der Natur (ich auch, dankbar!). Dann ging es die letzten Meter zur Schule. Dort hatte sich bereits eine grosse Menschenmenge versammelt, sicher 300 Menschen aus umliegenden Dörfern. Es waren vier Zeltdächer aufgestellt worden, eins für die Chöre, eins für die Trauerfamilien, eins für die Öffentlichkeit und eins für die hohen Gäste und Honoratioren. Dort wurde ich von meinen Kollegen hingewinkt, Vivian und die anderen verstreuten sich.

Es versteht sich, dass ich aus Pietätsgründen mit Fotografieren sehr vorsichtig war. Unten seht ihr die wartenden Schulkollegen der fünf Toten in ihrem Fussballdress. Diese trugen nach Beginn der Zeremonie (um 9.30h!) die fünf Särge in die Mitte des Platzes und bahrten sie mit Photo, Blumen, einem Fussball und dem Pokal, um den es im Spiel gegangen wäre, dort auf. In dem Moment lernte ich auch, was “lautes Wehklagen” eigentlich heisst. Einige Frauen brachen regelrecht zusammen und wurden weggeführt. Alles in allem war es aber eine unglaublich disziplinierte Stimmung, selbst die Kleinsten waren meist ruhig. Unten seht ihr auch das Programm. Immerhin drei der jungen Klassenkameraden schafften es, ein paar Worte zu sprechen, wenn auch unter Tränen. Das und das Verlesen der Biographien der fünf (zwei Jungs, drei Mädchen) war sehr bewegend, auch wenn ich nicht alles verstand.

Es waren hohe Vertreter aus Windhoek angereist und besonders der Stellvertretende Arbeitsminister, der anscheinend auch für die Strassensicherheit verantwortlich ist, fand sehr deutliche Worte: die Zambezi Region hat die höchste Rate an Strassentoten, an Fahrern ohne Fahrausweis, an fahruntüchtigen Autos und an alkoholisierten Fahrern wie auch Fussgängern, die auf die Strasse wanken oder dort ihren Rausch ausschlafen (kein Witz!). Er als einziger fiel nicht in den Chor derer ein, die Gott bemühten, der alle Geschicke lenke und die fünf zu sich geholte hätte. Er sagte, wie es ist: eine vermeidbare Tragödie, die sich nicht wiederholen darf. Er redete den Schulen ins Gewissen, dass sie Schüler nur in Passagierfahrzeugen fahren dürften und bei Geldmangel solche Anlässe eben absagen müssten. Ein anderer Redner redete von Vergebung und den unguten Konsequenzen von Hass. Vivian meinte später, dass es gut möglich sei, dass der fehlbare Lehrer gelyncht würde, sollte er sich nochmals in der Region zeigen. Seine Person und was mit ihm werden soll wurde von keinem Redner erwähnt, anscheinend war er kurz im Gefängnis, ist aber wieder auf freiem Fuss.

Die Zeremonie mit insgesamt fünf Priestern und Gebeten dauerte bis gegen 13h. Mir knurrte der Magen. Es kam zu der olfaktorisch anspruchsvollen Situation, dass der aufkommende Wind von vorne immer wieder leichten Verwesungsgeruch herantrug (die Särge standen in der prallen Sonne, wurden allerdings laufend mit einem Deo besprüht), und von hinten, wo gleich das Dorf begann, leckerer Geruch nach gebratenem Hühnchen durchs Zelt waberte. Dann wurden zwei Särge geöffnet und die Familie und Freunde konnten Abschied nehmen (im Programm “body viewing” genannt). Das habe ich mir nicht angesehen und es kann kein schöner Anblick gewesen sein. Jemand erzählte mir, dass nur diese zwei noch einigermassen im Zustand waren, dass man sie anschauen konnte. Wieder brachen die armen Mütter und Geschwister zusammen, es war furchtbar.

Nun bewegte sich die ganze Gesellschaft zu einem offenen Platz hinter der Schule, noch auf Schulgelände. Erst da wurde mir klar, dass die fünf dort und nicht auf einem Friedhof begraben würden. Der Schulleiter meinte später zu mir, die fünf würden Teil der Schulhistorie, eine Entscheidung, die bei einigen auch auf Kritik stiess, die den ganzen Unfall als traumatisierend genug bezeichneten. Es war also ein grosses Massengrab ausgehoben und ausgekleidet worden, ein Zelt spendete Schatten. Die Särge wurden wieder von den Kameraden neben das Grab getragen. Ein Gebet und die Särge wurden in das Grab gelassen. Die Familie warf etwas Sand darauf, es war wieder ein sehr trauriger Moment. Dann dauerte es leider fast 45 staubige Minuten, bis die Männer mit wenigen Schaufeln und viel blosser Handarbeit das grosse Grab zugeschüttet hatten. Und dann kam der letzte Teil, den ich fast den schönsten und friedvollsten fand. Jeder Betroffene - Familie, Kameraden, Lehrer, Inspektoren, Direktoren, Priester, Honoratioren - wurde gerufen und durfte kleine Pflanzen und Blumen auf das Grab stellen, die später eingegraben werden. Das Grab wurde so zu einem bunten, freundlichen Fleck inmitten des grauen Sandes. Der Anlass endete um 15.30h.

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass vom Moment meiner Ankunft bis zum beschriebenen Ende fast konstant einer der drei Chöre sang. Es war ein andauerndes Singen, Klatschen, Schaukeln, viele Gäste sangen mit. Die Lieder waren sicher religiös, sehr rhythmisch und gleichförmig, beruhigend. Ich fand das sehr schön und insgesamt alles viel weniger bedrückend, als ich Beerdigungen bei uns empfinde. Es war ein buntes Bild, die Frauen mit farbigen Chitenges (Rocktücher), nur die oberen Herren trugen schwarze Anzüge. Vielleicht ist das aber auch nur der Exotik der Szenerie geschuldet. Auf jeden Fall war mein Eindruck, dass durch das Nebeneinander von Dorf und Grab, der Abwesenheit einer Kirche, die Einbettung der Gräber in freies Feld, den Gesang und das Gefühl einer starken Dorfgemeinschaft der Tod hier näher beim Leben ist als bei uns.





16.7.17 13:58, kommentieren

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Inklusion

Inklusion ist das zentrale Wort in Namibia’s Erziehungsdoktrin und damit auch für uns wegweisend. Ich bin überhaupt keine Spezialistin in diesem Thema, meine aber mitbekommen zu haben, dass auch in unseren westlichen Ländern die sogenannte politische Korrektheit keine andere Maxime zulässt als die Integration von Kindern mit jeglicher Behinderung in Normschulen - soweit möglich, natürlich. Auch in Stallikon hatten wir ein Mädchen mit mentaler Behinderung, die im Kindergarten dabei war, bis alle involvierten Parteien (die Eltern zuletzt) erkennen mussten, dass es nicht mehr ging und sie in einer Spezialschule besser aufgehoben wäre.

In Indien begegnete mir das Thema durch einige Projekte und ich habe in den dortigen Diskussionen mitbekommen, dass das Thema bei Betroffenen durchaus umstritten ist. V.a. unter den blinden Kollegen herrschte teils die Meinung, dass in einem gewissen Alter oder in einer gewissen Ausbildungsphase ein auf Blindheit ausgerichteter Unterricht für das Selbstvertrauen und den Lernfortschritt besser ist als Inklusion um jeden Preis. Wenn schon bei uns das Thema alle Beteiligten vor Herausforderungen stellt, wie soll es da in Namibia klappen?

Letzte Woche habe ich eine sehr beeindruckende Frau namens Sylvia kennengelernt, die dazu viel erzählen konnte. Sie kommt hier aus Katima und hat vor 18 Jahren einen Sohn geboren, der an zerebraler Lähmung leidet. Kurz vorher waren ihre Eltern gestorben, ein Jahr später ihr Mann. Sie zog mit dem Jungen, der hier keinerlei Unterstützung erhielt, nach Windhoek und konnte in der Nationalen Organisation für Menschen mit Behinderung zumindest Teilzeit arbeiten und ihren Jungen versorgen. Sie gründete dann mit einigen Betroffenen eine NGO (Nicht-Regierungs-Organisation), um Kindern mit verschiedenen Behinderungen eine Schulbildung zu ermöglichen. Seit nunmehr 18 Jahren ist sie daran, die Situation für solche Kinder und deren Familien zu verbessern. Dafür hat sie unermüdlich Gelder gesammelt, von Unternehmen, ausländischen Botschaften und Privatpersonen, und ein grosses Netzwerk geschaffen. Staatliche Unterstützung hingegen erhielt sie nur sporadisch.

Nachdem sie nach Katima zurückgekommen war konnte sie auf einem Stück Land, das von der Stadt gespendet worden war, eine kleine Schule, ein Haus für sich und ihre neue Familie, einen Garten und Spielplatz errichten (s. Bild). Dort werden heute 54 Kinder von 7 Lehrern nach dem offiziellen namibischen Lehrplan unterrichtet. Sylvia hat einen Kleinbus gespendet bekommen, mit dem die Kinder abgeholt und zurückgebracht werden. Wohnen können sie (noch) nicht in der Schule. Das einzige Wohnheim für Kinder mit Behinderungen in Katima wird von der Kirche geführt. Sie weiss, dass sie nicht alle Eltern mit betroffenen Kindern erreicht, weil auch hier in Afrika die Scham gross ist, wenn man ein Kind mit Behinderung bekommt. Vielfach werden diese buchstäblich weggeschlossen ohne einen Gedanke an mögliche Schulbildung.

Gefragt, wie viele ihrer Kinder denn schon in eine Regelschule überführt wurden sagt sie: “Keines”. Der Staat fühlt sich nicht zuständig für diese Kinder, die ja v.a. bei physischen Behinderungen lediglich Zugang zu Schulen brauchen und mental voll leistungsfähig sind. Sie weiss auch gar nicht, an wen genau sie sich wenden soll: ist es das Gesundheitsministerium, das Sozialministerium oder unseres, das Erziehungsministerium? Sie hat es bei allen probiert und überall wohlmeinende Ratschläge und vage Versprechungen erhalten, die ihr in ihrer permanenten Geldnot nicht helfen. So sieht also die Inklusion auf dem Land in der Praxis aus!

Nun gibt es aber einen kleinen Hoffnungsschimmer: der Direktor, mein Chef, hat letztes Jahr den Antrag an unsere Organisation gestellt, eine Fachperson zu suchen, um mit dem Thema vorwärts zu machen. Und tatsächlich wird im September eine neue Schweizer Kollegin hierher kommen, eine ausgebildete Heilpädagogin. Dies war auch der Anlass meines Besuches bei Sylvia und ihrer Organisation “Mainstream”: ich wollte ihr davon erzählen und sie ermuntern, ihre Erfahrung in der Sache einzubringen. Sie freut sich darüber und hofft v.a., dass ihre Lehrer davon profitieren werden, denn diese haben keinerlei Spezialausbildung, sondern arbeiten mit den Kindern nach bestem Wissen und Gewissen.

Sylvia’s Geschichte beweist einmal mehr, dass eigene Betroffenheit die grösste Motivation hervorbringen (und aufrecht erhalten) kann, etwas zu verändern - auch gegen grosse Widerstände.

9.7.17 15:05, kommentieren